Kultur. Im ersten Artikel der Sparte Kultur geht es um Poetry Slams in Deutschland. Freuen Sie sich auf einen spannenden Beitrag über moderne Dichtung im Land der Dichter.

In dieser Sparte finden Sie alle Beiträge zu kulturellen Themen der verschiedenen Regionen der Welt.


Landay - Der Widerstand der afghanischen Frau durch die Poesie

29.08.2019 - von Muska Haqiqat

زه د پسرلۍ تر ګل تازه وم

ستا په بيلتون كي لكه پاڼه زيړه سوم

„Ich war frischer als die Frühlingsblüten,

aber durch deine Trennung wurde ich gelb wie ein Herbstblatt.“

(Urheber unbekannt)

 

Diese oben genannten Verse gehören einem bestimmten Typus der Poesie an, dem Landay, einem Zweizeiler in der paschtunischen Volksdichtung. Übersetzt heißt es „kurz“, da es aus nur zwei Zeilen besteht. In der ersten Zeile befinden sich immer neun Silben und in der zweiten Zeile 13, die sich häufig nicht reimen. Der Landay wird auch mit einer kleinen giftigen Schlange verglichen: Er ist klein, aber mit starkem Biss.

In der Regel wird der Zweizeiler laut zum Rhythmus einer Handtrommel gesungen. Die Autoren bleiben meistens anonym.

Die afghanische Kultur blickt auf eine reiche Tradition der Literatur zurück, insbesondere der Dichtung. Man datiert den Ursprung des Landay auf das Jahr 1700 vor Christus zurück, wo die Indo-arische Invasion Afghanistan, Pakistan und Indien erreichte. Der genaue Zeitraum ist jedoch strittig.

Die ersten Landays wurden von paschtunischen Nomaden und Farmer, bei einem gemeinsamen Sitzen am Lagerfeuer im Kreis, nach einem Arbeitstag im Feld oder einer Hochzeit oral tradiert.

Die Themen handelten häufig vom Leben eines Nomaden und der Natur.

Mit der Zeit weiteten sich die Handlungen der Gedichte aus, so dass man die Themen in fünf Bereiche einteilen kann:

Krieg – jang (جنګ)

Heimat – hiwad, watan(هيواد، وطن) 

Liebe – meena (مینه)

Trennung – biltoon (بیلتون)

Kummer – gham (غم) 

 

Viele Landays aus der Zeit der arischen Nomaden sind weiterhin im Umlauf, jedoch wurden Begriffe, die nicht mehr zeitgemäß oder relevant waren, durch neue ersetzt. So wurde aus einem Buch eine Waffe oder aus dem britischen Offizier der Kolonialzeit der amerikanische Soldat. In einem Jahrhundert alten Landay wurde aus dem Arm einer Frau ihr BH-Träger.

 

Meistens werden Landays von Frauen besungen. Dies hat mehrere Gründe. Wenn die Ehemänner auf Reise waren, um Arbeit zu suchen oder woanders auf der Welt gearbeitet haben, blieben die Frauen zuhause und besangen ihre Ehemänner. Bei Kriegen, wenn die Männer kämpften und gefallen sind, haben die Frauen ihren Brüdern, Söhne, Väter und Ehemännern Landays gewidmet. Erwähnenswert ist hierbei, dass Frauen bei Kriegen in der paschtunischen Gemeinschaft eine wichtige Rolle einnahmen. Sie waren für die Versorgung der Lebensmittel und der Wunden zuständig. Das bekannteste Beispiel einer Frau auf dem Schlachtfeld ist die junge Malalai. Es heißt, dass sie zwischen 17-19 Jahre alt war. Ihr Verlobter befand sich unter den anderen afghanischen Krieger und sie versorgte die Kämpfer auf dem Schlachtfeld.

Während des zweiten Anglo-Afghanischen Krieges (1878 – 1880), in der Schlacht von Maiwand am 27.Juli 1880 war sie es, die die afghanische Fahne schwang und die afghanischen Truppen mit dem folgenden Landay zum Sieg führte:

 

 که په میوند کی شهید نسوې

خداي ږولاليه بې ننگي ته دې ساتمه

 

Geliebte Jugend, wenn ihr nicht in der Schlacht von Maiwand fällt,

Bei Allah wird man sich eurer als Symbol der Schande erinnern.

 

Sie erweckte durch diesen Landay den Kampfgeist der Krieger.

Als ein Kommandant getötet wurde, löste Malalai ihn ab und führte die Truppen mit erhobener Flagge und sie besiegten daraufhin die Engländer.

Malalai selbst wurde in der Schlacht getötet und damit zur Märtyrerin.

 

Da die Autoren anonym bleiben, ist es für die Frauen leichter, auf diese Weise ihre Gefühle zum Ausdruck zu bringen und dadurch ihrem Alltag zu entfliehen. Gerade diese Freiheit, die die Frauen beim Verfassen von Gedichten empfinden, macht es den afghanischen Frauen so gefährlich, wo sie doch unter der Kontrolle der patriarchalen Gesellschaftsstruktur stehen. Denn auch das Singen ist in der afghanischen Gesellschaft verpönt. So werden die Frauen die singen als Prostituierte betrachtet, weshalb Landays im Geheimen vor engem Familienkreis gesungen werden.

 

Heute werden die Zweiweiler via Internet, Facebook, Textnachrichten, Radio und Telefon verbreitet und geteilt. Ein bekanntes Beispiel ist die weibliche Literatengruppe „Mirman Baheer“, die von Sahira Sharif, der Frauenaktivistin und Politikerin, gegründet wurde. Wöchentlich versammeln sich die Frauen in Kabul in einem versteckten Ort, wo sie ihre Landays vortragen und veröffentlichen. Heute zählt die Gruppe mehrere hunderte Mitglieder, die ihre Zweige auch in weiteren größeren Städte Afghanistans hat. Jene Frauen, die in ruralen Gebieten wohnen und/oder es ihnen verboten ist der Gruppe beizuwohnen, bietet Mirman Baheer an, ihre Landays über das Telefon vorzutragen.

Der Widerstand, den die Frauen dadurch betreiben kann man daher auch als literarischen Krieg bezeichnen. Die Frauen kämpfen für ihre Rechte mit dem Stift als Waffe und dem Papier als Sprachrohr.

Diese Restriktionen für die weiblichen Dichterinnen sind schwer verständlich, da Afghanistan auf eine stolze Geschichte mit bekannten und einflussreichen afghanischen Dichterinnen blicken kann, die hoffentlich irgendwann wieder von der Gegenwart eingeholt wird. 

 

 

 

ګودر ته ځم نه خوشالېږم

اشنا مي نشته زړه مې نه غواړي سېلونه

 

Ich gehe zum godar [Wasserstelle oder Fluss, wo Frauen das Wasser aufsammeln, Anm. d. Verf.], aber ich bin unglücklich.

Mein Geliebter ist nicht da, mein Herz möchte nichts anderes erblicken.

 

وطن د شاتونه شيرين دى

ما د جنګو د لاسه پرېښود ترېنه ځمه

 

Heimat ist süßer als Honig,

ich verlasse sie jedoch aufgrund des Krieges.

 

زما او ستا لېونۍ مينه

بيلتون ظالم دى موږ يو بل ته نه پرېږدينه

 

Unsere Liebe zueinander ist verrückt,

aber die Trennung ist skrupellos, die uns auseinander bringen wird.


[Da Landays oral tradiert werden, sind die Urheber unbekannt und können im Artikel daher auch nicht genannt werden]                                                                                                                    

 

Poetry Slam - im Land der Dichter

05.08.2019 - von Arneta Kuqi

Es ist heiß, stickig und voll in diesem kleinen Raum, der keine Klimaanlage kennt. Auch die Technik ist ausgefallen und hinten kann man den Künstler, der auf der Bühne sein Werk vorträgt, zwar hören aber nicht sehen. Egal - so denke ich und auch viele andere, die an diesem warmen Tag, den Abend in diesem heißen, stickigen und vollen Raum verbringen. 

Poetry Slam ist längst im Abendprogramm der deutschen Städte etabliert. Eine vorerst unbekannte Szene, die sich ihren Weg aus den kleinen Bars und Kneipen in die großen Konzert- und Theatersäle ebnete.

Jährlich ziehen Slams tausende von Menschen in ganz Deutschland magnetisch an. Vor etwa zwanzig Jahren erst schwappte dieser Trend von Amerika nach Deutschland rüber. Dabei stellt Hamburg die Hauptstadt des deutschen Poetry Slam dar. 


Dichtung erlebt seit einigen Jahren wieder seine Renaissance. Jedoch ein wenig anders, als ein Goethe oder Rainer Maria Rilke sein Werk an uns herangetragen hätte. Ein Kampf auf der Bühne, ein echter Wettbewerb unter Gleichgesinnten mit nur einem Sieger des Abends: die Welt, das Ich, die Anderen -  alles wird hinterfragt, gegenübergestellt oder einfach dargestellt. Mal traurig, mal witzig oder vulgär und wortgewandt, tragen meist junge Autoren mutig ihre Werke vor. Vor einem Publikum, dass manchmal keine fünfzig Zuschauer zählt, manchmal aber auch vor einem Publikum, dass ganze Theatersäle füllt. An sprachlicher Brillanz kaum zu überbieten und inhaltlich auf den Punkt gebracht, können sowohl die etablierten alten Hasen als auch die aufstrebenden Newcomer gegeneinander antreten. 


Hier treffen alt und jung zusammen - ein Publikum könnte kaum durchmischter sein. Was aber macht diesen Wortbewerb so interessant? 

Der Zuschauer wird meist von einem bis zwei Conférenciers durch den Abend geführt, der nicht zuletzt mit eigenen Anekdoten oder der ein oder anderen Spitze jeglicher Art, einen Lacher im Publikum verursacht. 

Die Künstler selbst sind häufig sehr jung, haben Tiefgang und/oder Humor und/oder Liebeskummer - aber eines haben sie alle gemein, den Sinn fürs Wort. 

Nicht zuletzt darf der Zuschauer selbst für seinen Favoriten applaudieren und ihm zum glänzenden Ruhm des Abends verhelfen. 


Nahezu jeden Abend, kann wer will, zu einem Poetry Slam gehen - vor allem in den großen Städten. Plakate hängen überall und lassen einen wissen wann und wo. Falls kein Plakat in der Nähe ist, dann hilft ein schneller Blick ins Internet oder ein flotter Gang zum Ticketverkäufer um die Ecke.


Aber das spannendste ist wohl die Auswahl der Slams: es gibt kleine Slams, bei denen sich die Gewinner für die größeren Finals qualifizieren. Es gibt die Finals, da trifft die Créme de la Créme der jeweiligen Stadt aufeinander. Es gibt Städtebattles und auch deutschsprachige Länderbattles. 

Daneben aber auch immer noch die ganz kleinen Slams, die in urigen Kneipen stattfinden, die die nicht wirklich Wettbewerb sind, da sie lediglich zum Lauschen einladen. Und die Themen, naja die sucht der Autor sich selbst aus. 


Eine Form von Unterhaltung also, die jeden zum Teilnehmer macht. Vielleicht macht das den Wettbewerb so spannend oder die Tatsache, dass da einfach meist junge Menschen oben stehen, die alle etwas zu sagen haben und talentiert genug sind, dies auf eine feine Weise zu machen. Vielleicht ist es auch das kollektive Lachen, das kollektive traurig oder überrascht sein. Vielleicht ist es von allem ein bisschen was. 


Warum sollten sonst in einem kleinen, heißen, stickigen Raum gefühlte 100 Personen, vielleicht waren es sogar 100, den Worten von Fremden lauschen.